Herkunft, Entdeckung & Namensgeschichte der Alocasia-Blüte
Alocasien – oft ehrfürchtig als „Elefantenohr“ bezeichnet – stammen ursprünglich aus den feuchten, warmen Regenwäldern Südostasiens, besonders von Borneo, Malaysia, den Philippinen und Indonesien. Während die meisten Menschen Alocasien wegen ihrer spektakulären Blätter kultivieren, führt ihre Blüte eher ein Leben im Verborgenen. Und das aus gutem Grund: Sie erscheint selten, unscheinbar und meist zu völlig unpassenden Zeitpunkten (z. B. mitten im Winter, wenn die Mutterpflanze eigentlich eine Ruhephase bräuchte).
Die Gattung Alocasia wurde im 19. Jahrhundert von europäischen Botanikern beschrieben – darunter Carl Ludwig Blume, ein niederländisch-deutscher Botaniker, der einen Großteil der Flora Javas dokumentierte. Das Wort Alocasia stammt übrigens aus einer botanischen Notlösung: Man nahm Teile des Namens der verwandten Gattung Colocasia (z. B. Taro), schob ein „A“ davor, und – voilà – eine neue Gattung war geboren. Botaniker waren schon immer kreativ, aber manchmal auch einfach sehr pragmatisch.

Doch die Blüte selbst ist das eigentliche Highlight: kein typisches Blütenmeer, sondern eine infloreszenzartige Struktur, bestehend aus Spatha (Hochblatt) und Spadix (Kolben). Das klingt erst nüchtern – bis man erfährt, dass diese zylinderförmige Blume sogar ihre eigene Wärme erzeugen kann (Thermogenese!). Aber dazu später mehr.
Funfact am Rande:
Die Alocasia-Blüte riecht für Menschen meist neutral oder leicht „grün“. Einige Arten produzieren aber Duftmoleküle, die gezielt Käfer anlocken. Das Parfum heißt übrigens offiziell in der Forschungsliteratur „insektenorientierte Duftkomposition“ – was charmant klingt, aber in Wirklichkeit oft „leichter Kompostduft“ bedeutet.
Die Anatomie der Alocasia-Blüte – was sieht man da eigentlich?
Die Blüte einer Alocasia ist eine typische Aronstabgewächs-Blüte (Araceae). Das bedeutet: Sie sieht unspektakulär aus, ist aber biologisch extrem clever.
Die wichtigsten Bestandteile:
1. Die Spatha – das Schutzschild
Die Spatha ist das große, blattartige Hochblatt, das den inneren Teil der Blüte umhüllt.
Sie kann je nach Art:
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rein grün sein (häufig),
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leichte Farbverläufe besitzen,
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oder sogar cremefarben aufleuchten.
Ihre Funktion ist Schutz – vor Regen, vor ungebetenen Besuchern und manchmal auch als optischer Lockreiz für Bestäuber.
2. Der Spadix – das eigentliche Blütenorgan
Der Spadix besteht aus vielen mikroskopisch kleinen Blüten, die eng beieinander sitzen.
Er ist in drei Zonen eingeteilt:
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untere Zone: weibliche Blüten
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mittlere Zone: zwischen der weiblichen und männlichen Zone befinden sich die sterilen (nicht fruchtbare) Blüten – wirken wie ein Schutzbereich
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obere Zone: männliche Blüten
Das klingt verwirrend, aber evolutiv ist es genial:
Die weiblichen Blüten werden zuerst empfänglich, die männlichen erst später aktiv. Dadurch verhindert die Pflanze Selbstbestäubung – ein smarter botanischer Trick, um genetische Vielfalt zu sichern.

3. Thermogenese – die Heizung im Kolben
Viele Alocasien erzeugen während der Blühphase Wärme, um:
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Insekten anzulocken
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chemische Duftmoleküle besser zu verbreiten
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die Bestäuber zu „wärmen“, damit sie länger bleiben
Man könnte also sagen: Die Alocasia veranstaltet einen Mini-Wellnessabend für Käfer.
Botanische Besonderheiten & Funktionen der Blüte
Auch wenn die Blüte ästhetisch eher schlicht wirkt, ist sie biologisch ein kleines Meisterwerk:
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Anlockmechanismus: Die Blüte lockt Käfer aus der Familie der Blattkäfer oder Aaskäfer an – je nach Art.
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Fallenfunktion: Die Spatha kann sich am ersten Tag leicht schließen, um Bestäuber „festzuhalten“. Keine Sorge – die Käfer werden später wieder freigelassen.
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Duftproduktion: von angenehm fruchtig bis „kompostig-warm“.
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Temporäre Geschlechtertrennung: Die weiblichen Blüten werden früher reif als die männlichen – so verhindert die Pflanze Selbstbestäubung.
Sidefact:
Der Temperaturanstieg am Spadix kann bis zu 12 °C über Umgebungstemperatur erreichen.
Das ist botanisch extrem – und erklärt, warum manche Bestäuber sich dort stundenlang aufhalten, als säßen sie in einer Sauna.
Vermehrung mit der Alocasia-Blüte – ein kleines Abenteuer
Die gute Nachricht:
Ja, man kann Alocasien über ihre Blüte vermehren.
Die schlechte Nachricht:
Es ist komplex, selten und erfordert eine ruhige Hand (und Geduld, sehr viel Geduld).
1. Pollen gewinnen
Wenn die männlichen Blüten reif werden, sieht man:
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kleine gelbliche Pollenhäufchen,
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oder leicht pudrige Stellen am oberen Spadix.

Die Pollen lassen sich dann:
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mit einem feinen Pinsel,
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einem Wattestäbchen,
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einem weichen Künstlerpinsel
- oder durch "abklopfen"
auf einem kleinen Stück Alufolie sammeln und luftdicht (und trocken!) lagern.
Tipps:
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Pollen NICHT im Kühlschrank lagern – zu feucht!
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Trockenmittel-Päckchen (z. B. Silica-Gel) helfen beim Haltbarmachen.
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Ein kleines Glasröhrchen oder Schraubgefäß funktioniert perfekt.
Ich lagere die Pollen eingewickelt in Alufolie in einem luftdichten Gefäß im Gefrierfach, funktioniert für mich am Besten.
2. Bestäubung
Sobald sich das Hochblatt leicht öffnet muss bestäubt werden. Der beste Zeitpunkt hierfür ist morgens. Die weiblichen Blüten sind allerdings vollständig vom Hochblatt umgeben, dieses muss also für die Bestäubung geöffnet werden. Zum Vorschein kommen dann die weiblichen Blüten (am unteren Teil des Spadix), diese sollten glänzig-feucht aussehen und klebrig sein, dann sind sie empfängnisbereit.
Dann:
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Spatha leicht öffnen – aber vorsichtig, um nichts abzubrechen oder ein kleines Fenster reinschneiden.
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Pinsel mit Pollen sanft über den unteren Bereich streichen/tupfen.
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Vorgang ggf. über 2–3 Tage wiederholen.
Falls eine Bestäubung erfolgreich war, beginnt die Spatha sich zu schließen – und die Pflanze steckt all ihre Energie in die Ausbildung kleiner Früchte.
3. Timing ist alles – besonders bei der Alocasia-Bestäubung
Zur Vermehrung benötigt man also erst einmal die Pollen, diese können, wie oben beschrieben, vom männlichen Teil der Blüte gewonnen werden. Hat man die Pollen muss man nun auf eine nächste Blüte warten, denn die weibliche Phase, also die Bestäubung, muss vor der Pollenbildung geschehen. Schließlich haben wir gelernt, dass die weibliche Phase zuerst eintritt, da die Pflanze es verhindern möchte sich selbst zu bestäuben.
Und als wäre das nicht schon Herausforderung genug, ist das Zeitfenster für die Bestäubung extrem kurz. Die weibliche Phase hält oft nur wenige Stunden – maximal einen Tag. Sobald sich das Hochblatt vollständig geöffnet hat, ist das Rennen vorbei. Dann kannst Du den Pinsel wieder weglegen und Dich innerlich auf die nächste Blüte vorbereiten.
Klingt anspruchsvoll? Ist es auch. Aber keine Sorge: Mit dem richtigen Wissen, einem aufmerksamen Blick und dieser Anleitung bist Du bestens vorbereitet. Betrachte es einfach als botanisches Timing-Spiel auf Expertenniveau – und keine Angst: Auch Hobbygärtner gewinnen hier regelmäßig.
4. Kreuzungen – für mutige Pflanzennerds
Viele Alocasia-Arten lassen sich miteinander kreuzen, darunter:
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Alocasia odora
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A. macrorrhizos
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A. longiloba
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A. reginula (Black Velvet) – allerdings schwieriger
Die Hybridisierung führt oft zu:
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ungewöhnlichen Blattfärbungen
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stärkerem Wuchs
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besseren Kultur-Eigenschaften
In der Züchterszene entstehen so immer wieder neue „Designer-Alocasien“.
Warum blüht meine Alocasia überhaupt?
Blühen ist kein zwingendes Zeichen für optimale Pflege.
Es kann bedeuten:
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Die Pflanze hat genügend Energie (gut!)
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oder sie möchte sich reproduzieren, weil sie Stress empfindet (weniger gut)
Typische „Stress-Auslöser“ für Blüten:
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zu enger Topf
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zu wenig Licht
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Nährstoffmangel
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Temperaturschwankungen
Ein bisschen Drama gehört bei Alocasien eben dazu.
Fazit – die Blüte der Alocasia ist ein botanisches Kunstwerk
Die Blüte einer Alocasia ist kein klassisches Zierobjekt, sondern ein raffiniertes, evolutionsgefeiltes Werkzeug zur Bestäubung – geheimnisvoll, clever und voller Mikrodetails.
Auch wenn sie uns optisch nicht so begeistert wie die beeindruckenden Blätter, offenbart sie bei genauerem Hinsehen eine faszinierende Welt aus Thermogenese, Lockduft, mikroskopischen Blüten und erstaunlicher Strategie.
Ob du sie nun zur Vermehrung, zur Hybridisierung oder einfach als botanische Kuriosität nutzt:
Die Alocasia-Blüte zeigt eindrucksvoll, dass selbst hinter der unscheinbarsten Pflanze ein kleines Naturwunder steckt.